Was mir so durch den Kopf geht #33
- vor 19 Stunden
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"KOMPETENZ-GERANGEL"
Vergangenen Freitag hatten Aretta Hakios, die Schulleiterin der Joy of Dance Academy, und ich einen Podcast-Termin mit Cécile Baumann. Hierbei wurden unsere neuen Aus- & Weiterbildungsprogramme vorgestellt. Dabei fiel mir auf, wie oft die Begriffe Erfahrung, Wissen, Kompetenz, Handwerk fielen. Alles Termini, die ihre Wirkung entfalten und einen hohen Wert an Sachverstand und Können aufzeigen sollen.
Was für einen Wert haben diese Begriffe noch? Inwieweit spielen diese Aspekte eine Rolle für mögliche Teilnehmende? Geht es mehr um die Coolness und Werbewirksamkeit der Social-Media-Auftritte oder informieren sich die Interessierten explizit über die Inhalte, das Curriculum, die Leitung und die Dozierenden? Erkennen viele überhaupt die Wertigkeit und Arbeit, die dahinter steckt? Die jahrelange, ununterbrochene Tätigkeit, mit allen Höhen und Tiefen, die konstante Weiterentwicklung und das kritische Reflektieren?
Wenn ich meinen Lebenslauf betrachte, staune ich nicht schlecht, was sich da so alles in vierzig Jahren angesammelt hat, sich in meinem Rucksack befindet. Vieles griffbereit, manchmal auch etwas tiefer liegend. Aber immer abrufbar. Es ist kein Copy & Paste, nichts, was ich mir einfach so angeeignet habe. Alles selbst erfahren, ausgewertet, umgesetzt und immer wieder analysiert.
Und dann gibt es diese Diskrepanz der verschiedenen Perspektiven auf diese Errungenschaften. Denn ich gehe auf die Sechzig zu. Bin ein Mann und habe schon mehrfach feststellen müssen, dass dies des Öfteren mehr ein Hinderungsgrund darstellte, als dass es Türen öffnet. Die Haltung der Jüngeren gegenüber den Älteren ist nicht immer klar. Die Abwehrhaltung, Errungenschaften der älteren Generationen in Frage zu stellen oder sich davon abzugrenzen, ist allgegenwärtig. Reife und Erkenntnis wird oft mit Konservativismus gleichgesetzt. Progressivität wird einem entweder aberkannt oder einfach nicht zugetraut. Dass sich Künstler auch im Tanz noch mit über Fünfzig weiterentwickeln wollen, sich immer wieder hinterfragen und diese Fragen in ihre künstlerische Arbeit einbringen wollen, wird abgetan, als ob dies nicht mehr relevant wäre. Es wird einem fast abgesprochen, hier in irgendeiner Weise noch etwas bewegen zu können (und wirklich zu wollen – warum auch?). Jetzt ist die Zeit für junge, neue Gesichter, die den Mut haben, sich ins Abenteuer der Sinnsuche in der Tanzkunst zu stürzen. Aha!
Es klingt jetzt sehr jammerig und verletzt. Und mit Sicherheit gibt es Momente, wo es sich nicht gut anfühlt und ich am liebsten einen Schrei loslassen und die Verantwortlichen zur Rede stellen möchte. Doch das vergeht meist so schnell, wie es gekommen ist. Denn es gibt genügend Menschen und Künstler, die mein Erreichte und Erschaffene anerkennen und zu schätzen wissen, was ich in all den Jahren vermittelt habe. Das kann mir niemand nehmen und gerade deshalb bleibe ich gelassen.
Vielleicht ist es eben so einfach: Kompetenz braucht keine Bestätigung, um real zu sein. Sie steckt in der Arbeit, in den Menschen, die man über Jahrzehnte begleitet und unterrichtet hat, in den Kreationen, die trotzdem entstanden sind. Sie mit einem seitenlangen Lebenslauf und elendlanger Aufzählung aller Erfolge den Leuten vor die Nase zu halten, um sich beweisen zu müssen, gleicht eher einer Rechtfertigungstaktik, die meist wie ein Schuss in den Ofen wirkt und auf der anderen Seite einen faden Nachgeschmack hinterlässt.
Die junge Generation wird ihre eigenen Wege finden – und das ist gut so. Aber wer eines Tages zurückschaut und fragt, wo das Fundament herstammt, auf dem er steht, wird (s)eine Antwort finden. Unsere Programme sind ein Teil davon. Kein Anspruch, keine Konkurrenz – einfach ein Angebot. Von jemandem, der sein Handwerk kennt.
Euer Jochen, herzlichst
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