Was mir gerade so durch den Kopf geht #34
- vor 3 Tagen
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"SPORT vs. KUNST"
Da gleiten sie dahin. Nehmen Anlauf. Springen ab, drehen sich mehrfach um die eigene Achse und krachen reihenweise auf den Boden der Realität. Es ist kalt, eisig und nur wenige bringen das Publikum zum Schmelzen. Von den Juroren ganz abgesehen.
Ich liebe den Sport, bin ein Fan der Olympiaden, schon seit ich denken, wahrscheinlich laufen kann. Mich fasziniert es, wenn Menschen an ihre Grenzen gehen. Es geht mir um das Messbare. Und gerade da gibt es natürlich Sportarten, die einer Subjektivität unterworfen und daher nicht so leicht bewertbar sind.
Aktuell findet die Winterolympiade in Milano/Cortina d'Ampezzo statt und die Eiskunstläufer stehen sehr im Fokus. Ich beobachte die Szene schon seit meiner Kindheit – die Kombination aus Sportlichkeit und Ausdruck, das Laufen zu Musik hat mich schon immer fasziniert. Ähnlich wie beim Kunstturnen, das durch seine Ästhetik und Eleganz eine ähnliche Ausstrahlung besitzt.
Dennoch hat sich hier viel verändert. Die Eleganz, das fast schon Tänzerische, Rhythmische und Fließende ist einer Aneinanderreihung von Höchstschwierigkeiten gewichen. Im Kunstturnen ist es fast nur noch Geräteturnen. Selbst bei einer Simone Biles, dem aktuellen Nonplusultra bei den Frauen, bleibt bei mir die emotionale Verbindung aus – trotz aller Bewunderung für die Disziplin und den enormen Arbeitsaufwand. Faszinierend. WOW! Aber emotional holt mich das nicht ab.
Im Eistanz hingegen findet gerade wieder eine kleine Revolution statt. Trotz der vielen Vorgaben und technischen Finessen, die ein Laienauge kaum erkennen kann, sind hier schon immer auch Künstler unter den Eisläufern gewesen, die es verstanden haben, alles in eine Komposition und Choreografie einzubinden, sodass eine Einheit aus Tanz, technischen Elementen und Musik entsteht. Man in den vier Minuten der Kür die Zeit vergisst und sich lebhaft an die Gänsehaut, Tränen oder das Luftanhalten und das anschließende Aufatmen erinnert.
Als das berühmte Eistanzpaar Torvill/Dean im Jahr 1984 bei den Olympischen Spielen in Sarajevo Ravels „Bolero" interpretiert haben, war dies genau eine dieser Sternstunden. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie meine Schwester und ich gleich am nächsten Tag auf dem zugefrorenen See in der Nähe unseres Hauses verschiedene Momente dieser Kür nachempfinden wollten. Keine Ahnung, wie das ausgesehen haben muss, zudem wir keine trainierten Eiskunstläufer waren. Aber diese Faszination, die Bilder, die mir noch immer erscheinen, selbst wenn ich heute einen Ausschnitt dieses berühmten Duos sehe, haben sich in mir eingeprägt.
Danach sind noch zahlreiche andere Paare in der Eistanzszene erschienen, die den klassischen und zeitgenössischen Bühnentanz auf ihre ganz eigene Weise in das Eistanzen eingebunden haben. Man ist also nicht von einem Element zum anderen gelaufen, sondern hat sie so subtil eingewoben, dass man ihnen einfach gefolgt ist, als wäre es ein Bühnenstück. Mit Ausdruck, Dramaturgie, einer Geschichte und mit viel Emotion aufgeladen.
So wie das französische Paar Guillaume Cizeron und Laurence Beaudry-Fournier, die mit ihrer elegischen und fließenden Kür zur Musik von Max Richters „The Whale" eine neue Ära eingeläutet haben: tief in den eisigen und glatten Boden gesetzte Schritte, ein geräuschloses Gleiten, Wirbeln und fast Schweben, mit unvorhersehbaren Momenten und Verbindungen, die sich auf und unter die Musik legen. Die erforderlichen Elemente werden Mittel zum Zweck, nie ausgestellt, sie gehen eine Symbiose ein und führen einen Dialog – mit sich selber, dem anderen und dem Publikum – einen, der die Luft anhalten lässt.
Weg von der showartigen Präsenz, spektakulären Liftsequenzen, deren Vorbereitung schon zu lange dauert und deren Ende bei weitem nicht der Wirkung entspricht. Besonders die oberflächlichen Interpretationen von Tänzen jeglicher Art, die auf dem Eis nur teilweise funktionieren, sind in der Überzahl. Hier zeigt sich beim Rhythm Dance (das Kurzprogramm) des französischen Paares zu „Vogue" von Madonna, was die Kunst ist: dies eben genial zu verbinden. Eine Fusion par excellence. Eine wunderbare Symbiose von Vogueing-Moves und den Elementen des Eistanzes.
Nicht umsonst steht in der Überschrift Eiskunstlauf. Was aber nicht wie bei den Männern, Frauen und meist auch Eislaufpaaren die Drei- und Vierfach-Sprünge in jeglichen Kombinationen bedeutet, die am Ende eher einem Aneinanderreihen von Höchstschwierigkeiten gleichen. Das Dazwischen, dieses Gleiten und Spielen mit der Musik, dem Thema, das man gewählt hat, wird meist zur Nebensache und man wartet auf den nächsten AHA- oder WOW-Effekt. Selten, dass mich da jemand abholt und auf eine Reise mitnimmt.
Und spannenderweise spürt das Publikum intuitiv, wenn etwas anders ist. Wenn etwas solch eine Wirkung auslöst, dass man sich dessen nicht erwehren kann und einen bis ins Innere berührt.
Das ist genau das, was mich als Choreograf interessiert. Nicht die Aneinanderreihung von Effekten, sondern die Momente, in denen Technik und Emotion verschmelzen. Wo das Handwerk unsichtbar wird, weil die Geschichte trägt. Wo man nicht mehr sieht, wie schwer etwas ist, sondern nur noch spürt, was es bedeutet.
Diese Eisläufer erinnern mich daran, warum ich Tanz mache. Und sie zeigen, dass es möglich ist – auch in einem System mit starren Regeln und Punktesystemen – Kunst zu schaffen, die berührt. Das ist die eigentliche Meisterschaft.
Euer Jochen, herzlichst
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