top of page

Was mir gerade so durch den Kopf geht #36

  • vor 8 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

"MOTIVATIONSSTAU"


Hier sitze ich und grübele. Versuche mir bewusst zu machen, was mich antreibt, warum ich Ziele aus den Augen zu verlieren drohe, und warum manches dann doch zu Ende gebracht wird und anderes wiederum in der Versenkung der Zeit und Vergessenheit verschwindet. War ich früher mehr motiviert, konsequenter in der Verfolgung von Visionen und zäher, wenn es um das Durchhaltevermögen geht? Oder haben mich die zahllosen Erfahrungen, überwundenen Widerstände und banalen Vergänglichkeiten der letzten Jahrzehnte einfach reifer, ökonomischer und ein bisschen weiser werden lassen – nicht allem und jedem hinterherzurennen, was mir gerade in den Sinn kommt? Wirkt da eine Effizienz, die mich ausbremst oder noch besser zurückhält, weil ich spüre – oder gar weiß (immer wieder erstaunlich, wie nahe gewisse Wörter in der deutschen Sprache beieinanderliegen, oft nur ein Buchstabe sie voneinander trennt und sie sich gegenseitig zu stützen scheinen: weise – wissen) –, dass manches keinen Sinn ergibt, zu viel Aufwand für wenig Ertrag darstellt, der Erfahrungsgewinn gegen null tendiert oder ich einfach ein Déjà-vu-Erlebnis habe, das ich nicht zu wiederholen gedenke.


Und dann gibt es da diese Projekte, die einfach Zeit in Anspruch nehmen. Lebenszeit. Wenn man einmal mittendrin steckt, gibt es kein Vor oder Zurück mehr. Zumindest war das bei mir bisher immer so. Und das ist auch der Grund, warum ich noch nicht wirklich mit meinem zweiten Roman gestartet bin. Es liegen bereits rund 60 Manuskriptseiten vor. Ein Konzept und die Struktur sind in meinem Kopf und lassen sich in diesen ersten Zeilen bereits erahnen. Dennoch scheue ich mich weiterzuschreiben – nicht weil mich das Thema oder die Idee nicht inspirieren. Im Gegenteil. Es ist aktuell und hat sogar indirekt mit diesem Newsletter zu tun. Es ist auch keine „Schreibblockade". Es finden einfach so viele andere Dinge um mich herum statt – beruflich wie privat –, dass ich mich derzeit nicht in den Sog eines solchen Projektes begeben möchte. Denn bin ich einmal drin, dann gibt es, wie gesagt, kein Halten mehr.


Bei meinen Arbeiten für Tanz und Theater fällt mir das leichter, denn hier gibt es klare Deadlines, die Premiere ist festgelegt und die Arbeit über einen gewissen Zeitraum absehbar, fast schon kalkulierbar. Vielleicht auch, weil ich auf eine fast 40-jährige Arbeitserfahrung und ein gewachsenes Handwerk zurückgreifen kann, das mir die Gewissheit gibt, alles in einem bestimmten Zeitrahmen bewältigen zu können.

Beim Romanschreiben schwingt für mich noch eine große Unsicherheit und Unkalkulierbarkeit mit. Vielleicht würde es helfen zu wissen, dass ich bereits einen Verlag dafür habe oder mich jemand konkret dabei begleitet – so wie ich es bei meinem ersten Roman tanzen fallen fliegen gehandhabt habe.


Während ich in meinen 20ern, 30ern und 40ern ohne zu zögern auch langfristige Projekte geplant, mit eigenen Visionen entwickelt und maßgeblich mitgestaltet habe – Projekte, die sich über mehrere Jahre erstreckten –, spüre ich nun wohl auch das Alter, das mich Zurückhaltung lehrt: Ich muss nicht mehr jeder vermeintlich großartigen Idee hinterjagen. Und brauche es auch nicht.


Und dennoch sehne ich mich manchmal nach dem Streben und der Intensität, die ich dabei empfunden habe. Es fühlt sich das ein oder andere Mal an, als ob sich eine Lethargie breitmacht. Nicht Faulheit – aber die Dynamik fehlt hier und da. Vielleicht auch der Ehrgeiz, etwas Neues zu erschaffen. Etwas, das mich absorbiert und in seinen eigenen Kosmos mitnimmt. Ohne Wenn und Aber.


Wobei: Wenn ich an etwas dran bin, das absehbar, zeitnah und greifbar ist – wie etwa die wöchentlichen Newsletter, die Vorbereitungen für unsere Aus- und Weiterbildungsprogramme an der JDA in Rapperswil-Jona oder das Sinfonische Tanzprojekt an der Uni Tübingen –, dann weiß ich: Das wird! Und nicht nur irgendwie, sondern ganz genau! Und darüber hinaus …


Nun, ich werde mir wohl Gedanken machen müssen, inwieweit ich mich wieder auf das Abenteuer „Roman" einlasse. Ob ich es auch etwas weniger absorbiert und von der Welt gelöst hinbekommen kann. Wenn die Zielsetzung nicht der Verlag und die Veröffentlichung ist, sondern die Reflexion, das Sich-Auseinandersetzen mit Themen, die mich seit Jahren beschäftigen und nicht wirklich loslassen. Das Älterwerden, der Umgang mit unserer Generation in aktuellen Kultur- und Theaterkreisen und der Rückblick auf das, was man bis dato geschaffen und erreicht hat. Respekt, Resilienz, Wagnis, Loyalität und Liebe. Nicht unbedingt „therapeutisch", aber als Katalysator für Neues?


Euer Jochen, herzlichst

 
 
 

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen
Was mir gerade so durch den Kopf geht #35

"50. Newsletter" Fünfzig Newsletter. Fünfzig Mal Gedanken sortiert, Erfahrungen destilliert, Beobachtungen festgehalten. Fünfzig Mal die Frage: Was beschäftigt mich gerade? Was will ich teilen? Und je

 
 
 
Was mir gerade so durch den Kopf geht #34

"SPORT vs. KUNST" Da gleiten sie dahin. Nehmen Anlauf. Springen ab, drehen sich mehrfach um die eigene Achse und krachen reihenweise auf den Boden der Realität. Es ist kalt, eisig und nur wenige bring

 
 
 
Was mir so durch den Kopf geht #33

"KOMPETENZ-GERANGEL" Vergangenen Freitag hatten Aretta Hakios, die Schulleiterin der Joy of Dance Academy, und ich einen Podcast-Termin mit Cécile Baumann. Hierbei wurden unsere neuen Aus- & Weiterbil

 
 
 

Kommentare


Dir gefallen meine Texte?
Trage Dich in meine Mailing-Liste ein und erhalte jeden neuen Text direkt in dein E-Mail-Postfach.
Was du kriegst: Meine Gedanken zum Tanzen, zum Schreiben, zum Leben.

Wann du es kriegst: Einmal im Monat.

Get in Touch

  • Instagram
  • Facebook
  • TikTok
bottom of page