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Was mir so durch den Kopf geht #32

  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

"Die Sache mit dem Libretto"


Ach, was sind das für Erinnerungen. Diese Momentaufnahmen, diese Perspektiven – frontal vom Publikum, aus den Seitkulissen heraus mit Zoom herangeholt oder direkt auf der Bühne aus nächster Nähe festgehaltene Bilder, die von Energie, Sinnlichkeit, Poesie und Ausdruckskraft erzählen. Bei vielen Fotos braucht es gar kein Video, um mich an die Szene oder Tanzsequenz zu erinnern. Hier und da fallen mir sogar erste Gedanken dazu ein, erscheinen vor meinem inneren Auge die selbst durchgeführten Recherchen, um jeweils das passende Bewegungsmaterial zu erforschen, oder die darauffolgenden Probensituationen mit dem Ensemble im Studio bis hin zu ersten Bühnenproben. Und teils liegen diese Arbeiten über zwanzig Jahre zurück.


Der Prozess des Entstehens eines Tanzwerkes – egal ob ein Fünf-Minüter, ein halbstündiges Oeuvre oder ein zweistündiges Tanzspektakel – birgt so viele verschiedene Komponenten in sich, und der Start liegt meist weit bevor der erste Schritt getanzt wird. Möchte ich etwas erzählen oder eher abstrakt bleiben? Soll es emotional werden oder geht es mehr um Ästhetik und Optik? Rein nonverbal oder benutze ich andere Theater- oder Kunstformen, die dem Werk eventuell helfen, besser verstanden zu werden? Oder sollen diese anderen Elemente wie Sprache, Video oder Projektion einfach mehrere Ebenen öffnen?


In meiner künstlerischen Arbeit geht es immer um Dialog. Zwischen dem „Erschaffenden" und dem „Ausführenden". Zwischen „Ausführendem" und „Betrachtenden". Und schlussendlich zwischen dem „Erschaffenden" und dem „Betrachtenden". Ein Dreiecks-Verhältnis par excellence. Wenn nur eine Seite wegfällt oder sich nicht darum bemüht, darf man sich nicht wundern, wenn es zu Missverständnissen, Missinterpretationen oder einfach fehlender Kommunikation kommt. Ich habe dies in meiner Laufbahn in allen drei Positionen zur Genüge erfahren dürfen und mich dann immer wieder hinterfragt, was wohl die Ursache dafür ist, dass hier der Diskurs nur bedingt stattgefunden hat. Lag es an der fehlenden Kommunikation des Choreografen mit seinen Tänzern, fehlenden Bildern, emotionaler Unterstützung? Oder fehlte den Tänzern an der besuchten Vorstellung der Draht zum Publikum, als ob sie einfach nur ihr Programm abspulen? Oder war ich heute als Zuschauer nicht fähig, mich auf das Gezeigte einzulassen? War abgelenkt, in meinen eigenen Gedanken gefangen oder einfach nicht bereit dafür?


Nun, all diese Konstellationen können wir nur bedingt beeinflussen, denn wir sind meist nur ein Teil des Dreiecks (außer wir sind gleichzeitig Choreograf und Tänzer). Mindestens eine Seite wird also nur begrenzt durchlässig sein, und somit ist eine Garantie der 100% Aufmerksamkeit und Präsenz nur selten der Fall. Der Dialog trotz aller Vorbereitungen, Vorkehrungen und Informationsquellen von subjektiven Wahrnehmungen beeinflusst.


Wenn ich nun die Programmhefte und Notizbücher zu meinen Werken betrachte und besonders meine eigenen Beiträge hierzu lese, spüre ich die zahlreichen Gedankengänge und Gespräche, die ich geführt habe, um eine Basis zu schaffen. Ein Fundament, auf dem ich alle Beteiligten – egal von welcher Abteilung, ob Tänzer, Ausstatter, Lichtdesigner und ganz speziell die Dramaturgen – abholen kann, um somit auch eine Basis für den Dialog mit dem Publikum zu finden. (Ich denke, dass hier auch eine wichtige Quelle für mein literarisches Schreiben liegt.)


Am 09. Februar werde ich an der Universität Tübingen mit Studierenden im Studio für Literatur und Theater (SLT) ein Seminar über choreografisches Arbeiten und das Erstellen von Libretti im Kontext von Neu-/Uminterpretationen bestehender Werke abhalten, mit dem Ziel, ein eigenständiges Libretto für die historische Figur „Maria Gräfin von Linden" zu entwickeln. Wenn man im Archiv seines eigenen Repertoires stöbert, entdeckt man, wie viel und mit welch intensiver Recherche und oft gar risikofreudiger Herangehensweise man sich zahlreiche Werke angeeignet, umgeformt oder gar total neu interpretiert und gestaltet hat.

Für die Studierenden habe ich drei Werke aufbereitet:


° „DER NUSSKNACKER" (nach dem Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann „Nussknacker und Mausekönig")Musik: Pjotr Iljitsch TschaikowskiLibretto: Iwan Wsewoloschski und Marius PetipaChoreografie: Lew IwanowUraufführung: 18. Dezember 1892 / Mariinski-Theater / St. Petersburg (RUS)

Neu-Interpretation eines klassischen Balletts:Libretto / Choreografie / Bühnenbild / Licht: Jochen HeckmannUraufführung: 07. Oktober 2011 / Theater Nordhausen (D)


° „STURM" (Schauspiel)Autor: William ShakespeareUraufführung: 01. November 1611 / Blackfriars Theatre, London (GB)

Tanzadaption eines Schauspiels:Konzept / Libretto / Choreografie: Jochen HeckmannUraufführung: 27. Februar 2010 / Tiroler Landestheater Innsbruck (A)


° „LA PASIÓN" („La Pasión Según San Marcos" / Sinfonisches Auftragswerk für die Internationale Bachakademie Stuttgart)Komponist: Osvaldo Golijov / Uraufführung: 05. September 2000 / Neue Kirche Stuttgart (D)


Freie choreografische Interpretation eines Musikwerkes:Konzept / Libretto / Choreografie / Licht: Jochen HeckmannUraufführung: Februar 2004 / Ballett-Theater Augsburg (D)

Hier nun einzutauchen, ihnen meine Arbeits- und Sichtweise näher zu bringen, das Nachspüren eigener Intentionen und Inspirationen aufzuzeigen und das Umsetzen in eine konzeptionelle Form zu rekapitulieren, wird eine riesige Freude für mich sein. Seine Erfahrungen und sein Handwerk zu teilen, es anderen erfahrbar machen zu können, ist jedes Mal ein Geschenk für mich.


Mal sehen, was wir hier weiterentwickeln werden, was für neue Aspekte, Bilder und Dialogpotenzial entstehen wird. Was für eine esret Version eines Librettos dabei herauskommt.

Ich bin gespannt ... wie ein Flitzebogen.


Euer Jochen, herzlichst

 
 
 

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