Was mir so durch den Kopf geht #31
- 17. März
- 4 Min. Lesezeit
"lesen - vorlesen - gelesen werden"
Im ZEIT Magazin vom 11.12.2025 erschien ein Artikel mit mehreren Stellungnahmen erfolgreicher deutscher Schriftsteller zum Thema „Lesungen". Wie sie dazu stehen, was sie davon halten und wie sie damit umgehen.
Grundlegender Tenor: eigentlich ungern, nur keine Publikumsfragerunde, warum tue ich mir das an!
Nun, trotz der verschiedenen Ausgangssituationen der einzelnen zu Wort kommenden Autoren – da gibt es die Moderatoren, die gewohnt sind, Interviews zu führen, anderen Menschen Fragen zu stellen, oder die Schreiberlinge, die tief eintauchen, analysieren, wissenschaftlich akribisch an ihre Arbeit herangehen, oder diejenigen, die sich am liebsten im Elfenbeinturm verschanzen mögen – kommen alle überein, dass sie Lesungen, insbesondere mit neugierigen Lesern, nichts abgewinnen können.
Da kann ich nur sagen: Schade! Bestimmt hat es damit zu tun, dass ich von der Bühnenarbeit komme. Auf der Bühne zu stehen, für die Bühne zu kreieren und somit automatisch und direkt in einen Dialog mit dem Publikum zu gelangen, bin ich gewohnt. Dies strebe ich sogar an. Sonst würde ich ja nicht für diese Art von Kunst arbeiten und meinen Lebensunterhalt damit verdienen wollen. Somit fällt es mir womöglich leichter, in meine Lesungen etwas Theatrales einzubringen, eine Dramaturgie zu entwickeln, auch zu spüren, ob die Zuhörer dabei bleiben oder eher am Abdriften sind.
Auch ist die Tatsache, dass der Tanz als nonverbale Kommunikation und meist rein über die physisch agierende Kunstform einen hohen Anteil an Abstraktion in sich birgt und für viele schwerer zugänglich ist als die Sprache, die mit Worten, Sätzen und ganzen Erzählungen einfach schneller nachvollziehbar und erkennbar ist. Hier beim Tanz dem Publikum immer wieder Rede und Antwort zu stehen, diesen Menschen die Materie näher zu bringen, ist eine niemals enden wollende Aufgabe, der ich mich immer gerne gestellt habe und auch nach all den Jahren immer noch stelle. Diese Erfahrungen sind natürlich förderlich und hilfreich, wenn ich mich auf Lesungen und den direkten Kontakt mit den Lesern vorbereite.
Meine Vorlese-Erfahrungen sind durch die Bank weg positiv und ich liebe es, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Natürlich gab es auch die einfachen Fragen und/oder Meldungen, die ich nicht immer ganz richtig einordnen konnte und mir das Anliegen des Fragestellers nicht ganz klar war. Dennoch habe ich sie beantwortet. So gut und überzeugend, wie es eben geht. Denn für mich gibt es keine blöden Fragen, sondern wenn, dann nur blöde Antworten.
Und da bin ich kurzzeitig erschrocken von der Meldung von Elke Heidenreich zurückgewichen. Sie hat mögliche „dumme", „langweilige", „uninteressante/irrelevante" Fragen aus den Publikumsfragerunden zusammengestellt und in Klammern ihre Antworten gesetzt, die teils wohl ironisch rüberkommen sollten. Doch das Augenzwinkern ist eher zu einer Grimasse des Hohns verkommen. Ein Verhöhnen der Leser, die ihrer Meinung nach einfach besser gar nicht gefragt oder „bessere" Fragen in den Ring geworfen hätten. Ich finde das anmaßend, wenn nicht sogar respektlos. Denn diese Leser haben nicht nur das Buch gekauft, sondern auch mit Eintrittskarten für solch eine Lesung bezahlt, um direkt den Autor des „geliebten" Buches erleben zu dürfen. Hier fließen Honorargelder, nebst zusätzlichen weiteren Büchern, die verkauft werden. Der Verdienst durch die Honorare meiner Lesungen ist aktuell um ein deutliches höher als der Anteil des Buchverkaufs, den ich vom Verlag als Honorar erhalte. Die meisten Schriftsteller könnten ohne Lesungen, Veranstaltungen, Schreibseminare etc. gar nicht existieren.
Okay, nicht jeder kann gut vortragen oder hat eine Lesestimme, die das Publikum abholt. Nach über zwanzig Jahren Erfahrungen im Schwäbischen Kunstsommer Irsee mit zahlreichen Lesungen von Schriftstellern und Lyrikern kann ich ein Lied davon singen, wer es wirklich geschafft hat, am Abend die Kursteilnehmer abzuholen und in seine Welt der Sprache zu entführen und wer daran kläglich gescheitert ist. Sei es, weil die Stimme einfach nicht angenehm war, es zu leiernd vorgetragen wurde oder auf Teufel komm raus einfach ein ganzes Kapitel über sechzig Minuten ohne Pause oder kurze Einwürfe und Einblicke vorgetragen wurde, sodass diese spröde Märchenstunde schnell zu einer Einschlafeinladung wurde.
Gerade wenn es dann jemand verstanden hat, aus seinem Roman die richtigen Häppchen vorzutragen, sie mit ein paar persönlichen Informationen, Anekdoten oder An- und Einsichten anzureichern, oder in der Lyrik jemand einem Bilder und Welten eröffnet hat, die in einem noch die ganze Nacht oder gar Tage danach nachklangen – das waren genau die Momente, wo man davon ausgehen konnte, dass im Anschluss am Büchertisch eine Schlange stand, um eines der Exemplare zu erwerben. Und am besten noch mit persönlicher Signatur (und sei sie noch so unleserlich).
Ja, ich weiß auch, dass der Großteil der Hörbücher nicht von den Autoren eingelesen wird. Aus meist gutem Grund. Denn eine trainierte Sprech- und Schauspiel-Stimme trägt diese Texte bestimmt intensiver und gehaltvoller vor, wobei wir ja auch hier manche Stimme eher bevorzugen oder ablehnen.
Was mich am meisten irritiert hat, ist, dass die Redaktion des ZEIT Magazins keine Bandbreite an Meinungen veröffentlicht hat, sondern das Gefühl hinterlässt, dass eigentlich das Gros der Autoren von Lesungen nichts hält, sie sogar eher ablehnt und am liebsten in ihrem Elfenbeinturm verharren möchten.
Für mich gehört das Schreiben genauso zur Kunst wie alles, was auf Bühnen passiert. Also die Darstellenden Künste, die Bildenden Künste oder Musik und was noch so alles dazugehört. UND: Es geht immer um einen Dialog. Um Korrespondenz. Um eine Auseinandersetzung mit dem Leser, dem Zuhörer, dem Zuschauer/Betrachter. Es ist ein Zwiegespräch, das in manchen Fällen direkt geführt werden kann und in anderen Fällen eben nur indirekt und meist in Abwesenheit des Erzeugers stattfindet. Umso mehr also die Möglichkeit einer leibhaftigen Begegnung möglich ist, desto mehr sollte man sich auch darauf einlassen, bzw. selber neugierig sein, was, warum und wieso das kreierte Oeuvre etwas bei anderen Menschen auslöst (oder auch nicht).
Ich scheue diese Begegnungen in keiner Weise. Im Gegenteil. Ich freue mich jedes Mal darauf und beantworte gerne Fragen oder entgegne Anmerkungen oder Kritik. Sind sie auch noch so banal oder redundant. Diese Dialoge helfen mir weiter für neue Kreationen und stellen einen wichtigen Teil meiner Selbstreflexion dar.
Also auf zur nächsten Lesung. Fordern Sie den Autor heraus. Vielleicht mit der Frage: Für wen schreiben Sie, wenn nicht für mich?
Euer Jochen, herzlichst
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