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Was mir so durch den Kopf geht #30

  • 17. März
  • 3 Min. Lesezeit

"WETTBEWERBE – und ihre eigenen Gesetze"


Am Wochenende war ich das erste Mal Juror an einem schweizweiten Tanzwettbewerb der urbanen Szene, wo sich Crews verschiedener Tanzschulen präsentierten. Sie traten an, um sich mit anderen zu messen und sich selber besser einschätzen zu können.


Das hat mich zurückversetzt in eine Zeit, in der ich selbst an Wettbewerben teilgenommen habe. Zwar war die Ausrichtung anders gelagert – es ging um die künstlerische Note, um Komposition, Dramaturgie und eine möglichst eigenständige Handschrift. Alles für bereits professionell agierende Tänzer und Choreografen ausgelegt. Dennoch: Der Ehrgeiz aufzufallen, eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, die Spannung bei jeder Vorentscheidung – das war riesig. Erst recht bei der Preisverleihung, wenn Träume wahr wurden oder zerplatzten.


Wer an einem Wettbewerb teilnimmt, bewegt sich im Spannungsfeld zwischen „einfach nur dabei gewesen sein" und dem Willen zu siegen. Beides ist legitim. Entweder geht es um die Erfahrung, ein Urteil und Feedback zu erhalten, oder darum, auf dem Podest zu stehen – mit allen Vorteilen, die das bringt: Aufmerksamkeit, Öffentlichkeitsarbeit, potenzielle Subventionen.


Aus dem Sport kommend, mit zahllosen Wettkämpfen in Kindheit und Jugend im Gepäck, war ich mit Ehrgeiz und Siegeswillen infiziert. Das ließ sich auch später als Tanzschaffender nicht ignorieren. Mir war aber bewusst, dass der künstlerische Aspekt eine andere Bewertung ergibt. Diese feine Linie zwischen Wertung, Maßstäben und den schwer einschätzbaren Werten von Kreativität, Genialität, Individualität. Jurys sind in ihren Entscheidungen – gerade wegen ihrer heterogenen Hintergründe – oft nicht nachvollziehbar. Ein Vabanque-Spiel.


Gestern waren die Entscheidungen auf Grund klar definierter Kriterien eindeutig. Wir waren uns innerhalb der Jury einig, hatten fast alle Gruppen auf den gleichen Platzierungen. Keine großen Überraschungen. Als Juror habe ich meine Maßstäbe und Erfahrungen angelegt, wie ich es schon immer getan habe. Nicht manipulierbar, mit meinem Koffer an Erfahrungen und meinem Wertekanon.


Dennoch bin ich ins Grübeln gekommen. Die präsentierten Stücke hatten wenig Künstlerisches. Coole Moves, Formationen, ein paar Hebefiguren oder Akrobatik-Elemente. Die Musik meist stereotyp: eingängige HipHop-Klänge, teils mit Texten, bei denen das halbe Publikum mitgesungen hat. Manchmal clever geschnitten, oft einfach aneinandergehängt, sodass auch die Choreografie ins Stocken geriet. In jedem Stück die frontale Linie, die sich wie ein Reißverschluss öffnet und schließt. Alles vorhersehbar, wenig innovativ. Copy & paste.


Ich möchte hier nicht die fehlende Kreativität anprangern, sondern mich fragen: Was ist das Ziel? Inhalt, Narrativ, Musikinterpretation, Ausdruck – was steht im Vordergrund? Wo ist der Dialog zum Zuschauer? Geht es nur um Bespaßung, den WOW-Effekt? Was berührt, was bleibt?


Ich denke nicht, dass die verschiedenen Welten unbedingt voneinander lernen müssen. Eher können. Hier gilt der Kontrast von Kommerz und Kunst. Genauso wie eine Tanzshow im Friedrichstadtpalast den Zuschauern gefallen will, während die Abstraktion, das Zeitgenössische, das nicht immer Greifbare eine ganz andere Botschaft in sich birgt. Beides hat seine Berechtigung, seine eigenen Gesetze.


Und trotz Copy & Paste und wenig Innovativem: Alle haben sich auf die Bühne getraut, sich ausprobiert. Wer weiß, was sie aus dieser Veranstaltung mitgenommen haben. Das Lampenfieber, die Begeisterung, die Spannung bis zur Verkündung der Platzierungen – das hat für alle Teilnehmer eine intensive Erfahrung ausgelöst. Gruppenzusammenhalt, positives Verstärken des Geleisteten. Ein Moderator, der alle darin bestärkt hat, dass sie nichts Negatives mitnehmen sollen, denn allein das Mitmachen hat sich gelohnt.

Bei den Wettbewerben im professionellen Bereich, die ich kannte, traute ich dieser Prämisse selten. Man spürte, dass die Konkurrenz manchmal laut war, Neid und Missgunst im Raum waberten. Daher war dieser erste Tag als Juror um einiges positiver, als ich dachte.


Für die Besitzer der Tanzschulen geht es auch um Renommé. Erfolg macht bekannter, begehrter. Man bekommt mehr Talente an Bord, hat eine gewisse Garantie, dass der Laden läuft. Es geht um Nachhaltigkeit. Nur so bleibt man am Ball, erkennt Trends, bleibt aktuell, setzt vielleicht sogar neue Impulse.


Und es gibt sie: Diese Schulen und Crews, die die Uniformität durchbrechen. Neue Impulse setzen und sich auch manchen Regeln widersetzen. Natürlich mit der Gefahr, nicht zu gewinnen. Aber dann gibt es diese Momente, in denen sich eine Jury von diesem Neuen überzeugen lässt. Angetan ist, dass da etwas entsteht, das neue Wege öffnet.


Als ich selbst an Tanz- und Choreografie-Wettbewerben teilnahm, ging es darum, in Erinnerung zu bleiben. Juroren und Publikum etwas zu präsentieren, das begeistert, Talent, Potenzial oder Vision erkennen lässt. Und es hat funktioniert. Einige meiner Einladungen und Anfragen für Kreationen waren Folgen meiner Wettbewerbserfolge. Daraus entwickelte sich über Jahre ein karriereförderliches Netzwerk.


Als Fazit steht klar im Raum: Wettbewerbe können eine oder mehrere Stufen für den Erfolg, für eine Karriere darstellen. Aber sie garantieren weder Dauer noch Nachhaltigkeit. Es braucht viel Arbeit, Durchhaltevermögen und Kritikfähigkeit dazu – sowohl Erfolg als auch Niederlagen richtig zu deuten und einzuordnen. Denn am Schluss sind es nur Momentaufnahmen, abhängig von vielen Faktoren, die man meist nicht beeinflussen kann. Zwischen Top oder Flop liegen oft Kriterien und Umstände, die man nicht in der Hand hat.


Euer Jochen, herzlichst

 
 
 

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